Mottenlichter

Dort eine Frau, die mit ihrem besoffenen Mann schimpft und gewissenhaft ihren Kinderwagen vor sich her schiebt, wobei sie genüsslich eine Zigarette raucht. Unschuldig gaffen die Kleinen aus ihrem Wäglein und können nicht so recht begreifen, was ihre Eltern denn nur treiben. Oder ist es bereits das abgestumpfte Empfinden, das sie den täglichen Zoff ihrer Erzieher als ein natürliches Ereignis begreifen lässt? Das schafft Hornhaut auf den Augen; der Filter platzt ohnehin schon aus allen Nähten. Ein Vorgang, der sich nun schon seit Generationen in dieser Sippe fortzusetzen scheint. Doch war die Mutter sicher eine Gute als sie ihre Tochter gebar und sie sich kürzlich selbst erblickte. Doch der Sinn hatte sie verlassen und wenn die Kleine nach der Milch schreit, dann kriegt sie einen auf die Pfoten.

Dort ein Ehepaar, das an der Ampel steht. Der Mann zwei Meter vor, die Frau zwei Meter zurück. Nicht nur die sinnliche Ästhetik ist im Eimer, sondern auch die platonische. Und trotzdem tragen sie die gleichen Jacken, sehen einander an wie der Köter und sein Herrchen. Nur wären beide so gerne doch ein stattlicher Esel. Sich ergeben und die Ungeschlechtlichkeit im Nacken. Paranoia, Verwesungsphobie, ziellos, haltlos - all die Sinne, sie ergeben keinen solchen.

An der nächsten Hausecke kotzt sich ein Obdachloser die Seele aus dem Hals. Der gute alte Fusel, für den er den ganzen Vormittag seinen verarmten Arsch auf dem Bürgersteig präsentierte. In spiritus sancti - Spritgeruch gemischt mit Buttersäure steigt in die Luft. Er geht dahin, der Gute, und verreckt vermutlich irgendwo zwischen Hundekot und Fischköpfen an einem Blutgerinsel - auf der Suche nach etwas Brauchbarem, das seinen zerlumpten Leib noch ein wenig Länger vom Sterben abgehalten hätte. Gott ist selbst ein pfandflaschensammelndes Reptil und kümmert sich wenig um solche Zeitgenossen.

Die ganzen kranken Gesichter, die sich da durch die Kaufhäuser drücken, auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Zorn, gereizte Blöße, Huren der Nation! Um die Ecke steht der Narr, lacht sich ins Fäustchen über die Idiotie einer ganzen Zivilisation. Aber auch er ist in sie geboren, zu ihr auserkoren, erst mit ihr zur Möglichkeit erhoben. Und auch aus seinem Lächeln wird ein Hecheln, sobald er mit dem Scheiß sein Geld verdient.

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